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Chesterton, eine Entdeckung

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„Wenn Leute zum ersten Mal G.K.Chesterton lesen, sind sie erstaunt, was sie da gefunden haben. Dann sie sind dankbar, das entdeckt zu haben. Und zuletzt sie sind fast ärgerlich, dass diese Entdeckung so lange gedauert hat.“ (Dale Ahlquist)

Dieses Zitat drückt perfekt aus, was ich zur Zeit erlebe. G.K. Chesterton belebt, erfrischt und hinterfragt mein Denken und Glauben auf ungeahnte Weise. Und ich wundere mich, dass ich so gar keine Ahnung hatte von diesem geistigen Kraftwerk!

Chesterton lesen ist wie in einem muffigen Zimmer das Fenster aufzureißen: Frischer Wind für Denken und Glauben, ja vielmehr für Herz und Seele! Für Denken und Glauben habe ich viele gute Bücher im Regal hinter mir stehen. Doch viele davon kommen von Exegese und Dogmatik aus kaum dahin, Gegenwart und Existenz zu beleben: Dankbarkeit für den christlichen Glauben zu wecken – weitherzig über andere Menschen zu denken – Humor als christliche Tugend zu verstehen – Freude an einem üppigen Weihnachtsessen zu haben –selbstbewusst in weltanschauliche Dispute zu gehen – dem Zeitgeist zu widersprechen. Doch all das findet sich bei Chesterton.

Wer ist G.K.Chesterton? Ich kannte ihn eigentlich nur von Aphorismen und seichten Grußkarten („Warum können Engel fliegen? Weil sie sich leicht nehmen!“). Und ich wusste, dass von ihm die Father-Brown-Detektivromane sind. Doch nie hätte ich geahnt, dass es sich um so einen profiliert christlichen und geistreichen Autoren handelt. Sein theologisches Denken lerne ich gerade erst kennen und staune. Doch es ist besonders seine Art zu denken, zu argumentieren und zu schreiben, die mich anspricht. Mir gefällt, neben allem Inhaltlichen, an Chesterton:

1)     Lebensfreude und Dankbarkeit. An seine Verlobte Frances schrieb er über einen Tintenfleck, den er versehentlich gemacht hatte: „Ich liebe diese schwarze Tinte, sie ist so tintig. Es gibt bestimmt niemanden, der ein so grimmiges Vergnügen an der Beschaffenheit der Dinge hat wie ich. Die erstaunliche Nässe des Wassers erregt und berauscht mich; der Ingrimm des Feuers, die stählerne Härte des Stahls, die unaussprechliche Schlammigkeit des Schlamms. Und genauso geht es mir mit Menschen…“ Und an anderer Stelle schrieb er: “Ich habe einen Großteil meines Lebens damit verbracht, etwas völlig Untinteressantes zu finden – oder wenigstens eine uninteressante Person. Aber ich habe es bisher noch nicht geschafft.“

2)     Sprachkraft und Wortwitz: Seine Freude an Paradoxien, seine sprunghafte Argumentation, seine farbigen Beschreibungen, sie sind wie die Erkundung einer neuen Stadt: Hinter jeden Ecke stutzt man und sieht Interessantes und Ungeahntes.  Seitenweise könnte man wuchtige Zitate und witzige Sprüche von ihm auflisten:

  • Über die Frauenrechtsbewegung schrieb er: Zwanzig Millionen junge Frauen erheben sich und schreien: „Wir lassen uns nichts mehr diktieren“ – und gehen hin und werden Stenotypistinnen.
  • Erst kürzlich las ich in einem braven Wochenblatt puritanischen Zuschnitts, man solle das Christentum von seinem Dogmengerüst befreien – ebensogut könnte man jemanden von seinem Knochengerüst befreien wollen.“
  • Wenn er nur eine einzige Predigt halten könnte, schreibt er, würde er über den Stolz predigen: „Zu Beginn meiner Predigt würde ich den Leuten sagen, dass sie nicht an sich selbst Gefallen finden sollen, sondern an Tanz, an Theatern, an Ausflügen, an Sekt und Austern, an Jazz und Cocktails und an Nachtlokalen, wenn ihnen nichts Besseres einfällt. Es ist immer noch besser, als dass sie anfangen, an sich selbst Gefallen zu finden.“

Beeindruckend ist Chestertons Lebenswerk. Obwohl er nur 62 Jahre alt wurde verfasste er 100 Bücher, 200 Kurzgeschichten und 4000 Essays. Jedes Jahr hielt er 40 Vorträge im Radio. Selbst seine Gegner schätzten Chesterton und auf seiner Beerdigung (1936) wurde gesagt: „Diese Generation ist so vollständig unter Chestertons Einfluss, dass wir nicht es nicht einmal mehr bemerken, dass wir von ihm geprägt sind.“

Was Chesterton für heute so interessant macht ist seine Motivation und sein Kampf: Zu Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Umbrüche der Industrialisierung im vollen Gange – die Wissenschaften blühten auf, Säkularisierung und der Traditionsabbrüche wurden spürbar, die proletarische Revolution lag in der Luft und über neuen Gesellschaftsordnungen wurden ersonnen. Kein Wunder, dass der christliche Glaube unter Druck geriet.

Gegen diese Eliten, Intellektuelle und „Neuerer“ wandte sich Chesterton und setzte ihnen den gesunden Menschenverstand, die Überlieferung und die kirchliche Tradition entgegen. Und so nennt man ihn auch „den Apostel des gesunden Menschenverstandes“. Aus heutiger Sicht könnte man wohl sagen, dass Chesterton es mit der „Political Correctness“ aufnahm und wunderbar polemisierte gegen angebliches Expertentum, oberflächlich Wissenschaft und abgehobene, falsche Ideale. Dieser Mut und diese Frechheit, mit dem er seiner Zeit und ihrem Irrsinn entgegentritt – der kann auch uns heute Mut machen: Die Dinge mal auf den Kopf zu stellen, den „alternativlosen“ Konsens zu verlassen und frech einen eigenen Weg zu gehen, den christlichen Glauben als quitschlebendige und fröhliche Alternative sichtbar werden zu lassen. Diese fröhliche Frechheit kann ich von ihm lernen! Gegen die Gleichgültigkeit fordert er mich zu Mut und Kontroverse heraus! Christian Pestel, 4.11.2016


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